Archive for April, 2010

Was macht eigentlich Haiti? 100 Tage nach dem Beben

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haiti-356 Mein Fazit von unserer Rückkehr nach Haiti, 100 Tage nach dem Beben: Es ist noch immer atemberaubend, wie das Erdbeben Port au Prince entstellt hat, wie groß das Leid der Menschen ist – aber auch, mit welcher Freundlichkeit, Höflichkeit und Dankbarkeit die Leute in Haiti mit ihrem Schicksal umgehen und uns Fremden begegnen.

Es ist weder so, dass sich nichts getan hätte – aber ebenso wenig lässt sich behaupten, dass es wieder normal zugeht in Port au Prince. Die Leichen sind verschwunden. Die Menschen flehen nicht mehr zu Hunderten um Wasser. Man sieht keine blutigen Verletzungen mehr, wie bei unserem ersten Besuch in der zerstörten Stadt.

Dafür ist die Not inzwischen zum Alltag geworden. Man lebt in Zeltstädten, auf Trümmerbergen haben Leute kleine Marktstände errichtet, an denen sie Habseligkeiten verkaufen, die sie im Schutt gefunden haben. Für manche gibt es tatsächlich wieder ein Stück Normalität. Supermärkte haben geöffnet, es gibt einen Burger-Laden, einen Pizza-Lieferservice. Doch die meisten sind froh, wenn sie in einem der Zeltlager der Hilfsorganisationen unterkommen. Denn hier existiert fast so etwas wie Infrastruktur. Dixie-Toiletten, regelmäßige Essensverteilung, Zelte, in die es nicht sofort reinregnet.

haiti-238 Haiti war schon vor dem Beben eines der ärmsten Länder. Es gab auch damals schon Slums und das Leid der versklavten Kinder. Nun ist es noch schlimmer geworden. Kinder, die ihre Angehörigen im Beben verloren haben, verdingen sich freiwillig als Sklaven. “Besitzer”-Familien werfen ihre Sklavenkinder raus, weil sie nichts mehr haben, mit dem sie die Kinder ernähren könnten.

Was tun die vielen, vielen Helfer? Die Ärzte pflegen nun nach. Viele der Not-Operationen konnten kurz nach der Katastrophe nicht optimal durchgeführt werden. Es fehlte an Material, der Ansturm war gigantisch. So sind zum Beispiel gebrochene Knochen wegen fehlender Röntgengeräte nicht perfekt aneinander gesetzt worden. Verletzungen brechen wieder auf und müssen neu operiert werden. Entzündungen werden behandelt. Prothesen für die, die Amputationen hinnehmen mussten, werden angepasst.

Andere Hilfsteams haben “Child friendly Spaces” eingerichtet. Orte, an denen Kinder spielen können und ein bisschen unterrichtet werden. Es gibt keine Ordnung in Port au Prince, niemanden, der ansonsten dafür sorgen würde, dass sich um die Kinder, die oft ihre Eltern verloren haben, gekümmert wird. Die Helfer organisieren den Wiederaufbau der Schulen und arbeiten auch gegen die Kindersklaverei (siehe auch diesen Beitrag).

Am Straßenrand sieht man immer wieder Gruppen von Männern in gelben T-Shirts. Sie sind im Cash-for-Work-Programm: Fünf Dollar pro Tag von der Regierung und aus staatlichen Hilfstöpfen, wenn sie dabei helfen, den Schutt wegzuräumen. Manche dieser Gruppen wurden von US-Soldaten bewacht. Warum? Wir haben es auch nicht herausgefunden. So sei der Auftrag…

Für uns Beobachter erschließt es sich noch immer nicht, wie jemals wieder so etwas wie normaler Alltag in Haiti einziehen soll. Es ist noch wahnsinnig viel zu tun. Ich will gern auf überflüssigen Pathos verzichten – auf jeden Fall halte ich es für sagenhaft sinnvoll, sich hier zu engagieren.

Drei Beispiele, warum mir die Menschen wohl so ans Herz gewachsen sind:

  • haiti-315 Wir liefen durch das Stadtzentrum. Wie üblich stürmten Kinder auf uns ein, wollten an die Hand genommen werden, baten um Essen, Trinken, Geld. Wie üblich gaben wir nichts (Wenn jemand nicht versteht, warum nicht: gern nachfragen. Hat nix mit Geiz zu tun). Fast eine Stunde begleiteten uns die Kinder und fragten immer wieder nach einem Dollar. Als wir ins Auto einstiegen und sie merkten, dass sie von uns nichts bekommen, erwartete ich Beschimpfungen. Zumindest, dass jemand bei unserer Abfahrt hinter uns her flucht. Aber nichts. Sie winkten, lachten, riefen “Aufwiedersehen!”
  • Einmal hatte ich mitten in einer Not-Zeltstadt meine Wasserflasche auf der Pickup-Ladefläche vergessen. Nach über einer Stunde kehrten wir zurück. Einige Kinder hatten inzwischen die Ladefläche als prima Spielplatz ausgemacht. Aber niemand hatte die Wasserflasche genommen oder davon getrunken. Nicht einmal angerührt hatten sie die Flasche. Und das in einer Situation, in der es an allem fehlt.
  • Mit brasilianischen Blauhelmen sind wir abends in der Dunkelheit in die Cité Soleil gegangen. Das berüchtigste Armenviertel von Port au Prince. Hier sollen sich auch tausende der über 8000 entflohenen Verbrecher aus dem zusammengestürzten Gefängnis verstecken. Auch wir mussten schusssichere Westen und Helme tragen. Was passierte? Die Kinder kamen, sangen und tanzten mit den Soldaten. Sonst nichts.

Ich war in keinen anderen vergleichbaren Katastrophengebieten. Doch selbst erfahrenste Helfer sagen, dass die Freundlichkeit der Haitianer beispiellos ist. Ich werde auch weiterhin versuchen, die Zukunft dieses Landes und dieser tollen Menschen zu verfolgen.

Hier nun unsere Artikel, Fotos und Videos für BILD:

Online-Tagebuch:

Der Weg zurück in die Beben-Hölle

Port-au-Prince riecht nicht mehr nach Tod

95 Tage nach dem Beben steht Glossina zum ersten Mal auf

Gott will nicht, dass Kinder so leben

Der Ort, an dem Kinder wieder lachen lernen

Serie:

100 Tage nach dem Beben: BILD bei den Opfern von Haiti

Das Schicksal von Sklavenmädchen Kettlene

Sie lernen neben ihren toten Mitschülern

Die Zeltstädte von Port-au-Prince

Und hier meine iPhone-Fotos als Galerie mit Bildunterschriften. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte Probleme mit der Darstellung. Wenn ihr keine Bildunterschriften sehen könnt, klickt auf “Mit PicLens anzeigen”. UND: Bitte beachtet, dass die Galerie in vier Unter-Galerien aufgeteilt ist. Nach Foto 20 ist noch nicht Schluss…

Kommentare zu den Haiti-Berichten – und ein Gegenkommentar

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Wharf Jeremie

Das Elendsviertel Wharf Jeremiein Haiti

Vor ein paar Tagen sind wir aus Haiti zurückgekehrt. Dank der Asche-Wolke hat die Reise länger als erwartet gedauert. Ich werde hier sicherlich noch ein ausführliches Fazit ziehen, die Links zu unseren Berichten zusammenfassen und Fotos einstellen. Es war wieder sehr bewegend – und wieder war es toll, wie ihr uns mit euren Kommentaren z.B. auf Twitter unterstützt habt. Natürlich war es aber auch durchaus spürbar, dass die Anteilnahme an Haiti nachgelassen hat (Vorgeschichte hier).

Eine Sache brennt mir ein bisschen auf der Seele: Unter unseren Artikeln auf BILD.de (z.B. hier) gab es Kommentare, zu denen ich dringend etwas loswerden muss. Denn sicherlich sind sie gut gemeint – aber irgendwie haben sie in meinen Augen die völlig falsche Botschaft.

Zum Beispiel dieser Kommentar:

Ich hab geahnt dass so etwas kommt und zögerte nach dem Erdbeben lange, Geld für die Unterstützung dieses Regimes zu spenden. Natürlich spendete ich, wollte den armen Menschen helfen. Und es kam wie es kommen musste: Den Menschen geht es schlecht, machtlos sehen wir der Kindersklaverei zu und die Welt dreht isch weiter. Zum kotzen! Stiefelknecht

Oder dieser:

Klar Spendengelder sammlen. Wieviel von dem 1 EUR pro Person käme den dort wirklich an???? Ich behaupte mal weniger als 0,10. Und das was dann ankommt sacken sich Krimminelle dort unten ein. Geldspenden sind falsch. Personelle Hilfe und Hilfsgüter wären die richtige Antwort. Leider machen zuviele die Taschen mit dem Thema Spenden und helfen voll. Tanken_Schorsch

Ich halte es für total falsch, aus dem Leid der Menschen in Haiti zu schließen, dass Spenden nicht helfen! Zeigt man glückliche Kinder, heißt es “Warum spenden? Denen geht es doch gut!” Beschreibt man das Elend, heißt es: “Aha, die Spenden kommen also eh nicht an.” Nur, weil man nicht von heute auf morgen den Schalter umlegen und z.B. alle Sklavenkinder befreien kann, heißt das noch lange nicht, dass die Arbeit der Hilfsorganisationen vor Ort nicht gut ist.

Ebenso ist es nicht richtig, dass Sachspenden das Sinnvollste sind. Ich würde immer Geld spenden, weil gerade die Hilfsorganisationen wissen, wie man damit am besten umgeht. Natürlich liegt mir schon beruflich “Ein Herz für Kinder” am nächsten, weil ich hier persönlich weiß, dass kein Cent irgendwo hängen bleibt. Aber wir haben viele tolle Hilfsteams kennengelernt: Kindernothilfe, World Vision, Lands Aid, Humedica, etc.. Jürgen Schübelin, den wir mehrmals bei seiner Arbeit in Haiti begleiteten, hat immer einen Quittungsblock im Rucksack, damit er jeden verwendeten Dollar belegen kann. Wirklich jeden Dollar. Ein anderer Helfer zeigte uns aber auch Sachspenden, die seine Organisation erhalten hat. Natürlich gibt es auch hier sinnvolle Hilfspakete – doch wir sahen auch Suspensorien (ohne Schalen!) und Schwimmwesten, die gespendet worden sind. Das hat die Menschen in Haiti auch nicht wirklich weitergebracht.

Um auf das konkrete Beispiel der Sklavenkinder in Wharf Jeremie einzugehen: Dort unterstützt die Kindernothilfe nun eine Schule, um den Kindern Bildung zu vermitteln, damit sie eine Chance haben, wenn sie zu alt für ihre “Besitzer” sind und rausgeworfen werden. Außerdem lernen sie hier Selbstbewusstsein. Sie sollen behutsam nach und nach zur Eigenständigkeit erzogen werden, um irgendwann selbst ihre Lage ändern zu können. Schon über 150 versklavte Kinder kommen hier täglich her.

Wenn du stattdessen in die Slums gehst und jedem Sklavenkind 1000 Dollar in die Hand drückst, kann es davon sehr lange Zeit Nahrung kaufen – aber es hat noch längst kein neues Zuhause, keine Ausbildung, keine Zukunft. Ganz abgesehen davon, dass diese Art der Sklaverei in den Elendsvierteln von vielen Menschen geduldet wird, weil sie gar nicht verstehen, was daran falsch ist. Heißt: Morgen hätten sie ein neues Sklavenkind. Dagegen kann man nur langsam und mit Aufklärung vorgehen. Die Bilder bleiben sicherlich noch lange bedrückend – aber es wird Stück für Stück besser.

Written by admin

April 26th, 2010 at 7:21 am

Live-Berichte aus Haiti. 13. – 20. April 2010

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Rückkehr nach Port au Prince: Was macht eigentlich die Hilfe in Haiti?

haiti-091 Wir – drei Kollegen und ich – sind wieder für BILD in Haiti (bzw. bis Donnerstagmittag: auf dem Weg dorthin). Dieser Blog-Eintrag soll es jedem ermöglichen, unsere Eindrücke vor Ort “live” zu verfolgen und mit uns, falls gewünscht, in Kontakt zu treten. Außerdem habe ich hier die Hintergründe und Berichte von unserer ersten Reise zusammengetragen, da ich in 140 Twitter-Zeichen nicht alle Vorgeschichten erneut aufschreiben kann. Dieser Beitrag ist als Ergänzung zu dem gedacht, was wir für BILD berichten, als eine Art “Basisstation” für die Follower, die uns digital durch Port au Prince begleiten – generell ist der Blog (wie oft erwähnt) rein privat.

Vorgeschichte und Ziel

haiti-060 Eine Woche nach dem Beben in Haiti haben wir ein Hilfsflugzeug begleitet, das “Ein Herz für Kinder”organisiert hatte. An Bord: Ärzte, Logistiker, Koordinatoren von diversen Hilfsorganisationen. Sieben Tage lang haben wir die lebensrettende Arbeit mitten im größten Elend und Jammer verfolgt, haben Tage mit Blut und Tod erlebt, aber auch viel Hoffnung gesehen. Jetzt, drei Monate nach dem Beben, wollen wir erneut dokumentieren, was in Port au Prince geleistet wird, wie die Menschen mit ihrem Schicksal umgehen und selbst an ihrer Zukunft arbeiten – und wie wichtig es ist, dass wir die Not dort nicht vergessen.

  • Hier geht’s zu einer kurzen Vorstellung von uns Vier und unseren Berichten für BILD und BILD.de kurz nach dem Beben im Januar (insgesamt waren drei BILD-Teams damals vor Ort. Es ist sicherlich nicht meine Absicht, unsere Aufgaben besonders herauszustellen – aber darüber kann ich nun mal am meisten schreiben).
  • Hier ist eine Übersicht der Hilfsorganisationen, deren Arbeit wir bei unserem ersten Besuch begleiteten – und die wir auch diesmal wieder aufsuchen werden.
  • Hier habe ich aufgeschrieben, wie eure Tweets und Kommentare während unseres ersten Besuchs bei den Helfern und bei uns ankamen – und alle Tweets und Reaktionen zusammengefasst.

Einsatzorte

Auf der Karte sind die Orte markiert, die wir im Januar besucht haben – und die wir auch diesmal wieder aufsuchen. Wenn wir also von der “Klinik der Hoffnung” schreiben, findet ihr sie auf hier ebenso wie die Schule in Carrefour.


Haiti / Orte, von denen wir berichten auf einer größeren Karte anzeigen

Live-Videos

Falls ich einige laienhafte Handy-Videos drehen und übertragen kann, werden sie hier einlaufen. Mit Klick auf “Menü” bekommt ihr eine Übersicht (wie gesagt: Ich weiß nicht, ob es funktionieren wird. Ansonsten – und bis zu unserer Ankunft am Donnerstag ohnehin – seht ihr nach wie vor als Testbild den Blick von unserem Balkon in Berlin…) Die “echten” (professionellen) Videos von Nicole werden wir nach unserer Rückkehr veröffentlichen.

Twitter, Tweetphoto, Diskussion

In der Spalte rechts seht ihr die aktuellen Tweets, darunter die zuletzt per Tweetphoto getwitterten Fotos. Wenn ihr uns schreiben wollt, dann macht das am besten via Twitter. Gern auch per Mail. Und wer sich ganz tief reinfuchsen möchte: Hier gibt’s alle bisherigen Blog-Beiträge zum Thema Haiti in der chronologischen Reihenfolge.

Wer Ärzte, Sanitäter, Sozialarbeiter und Helfer in Haiti und an anderen Orten der Welt unterstützen will, kann hier für “Ein Herz für Kinder” spenden.

Bis bald in Berlin!