Kommentare zu den Haiti-Berichten – und ein Gegenkommentar
Vor ein paar Tagen sind wir aus Haiti zurückgekehrt. Dank der Asche-Wolke hat die Reise länger als erwartet gedauert. Ich werde hier sicherlich noch ein ausführliches Fazit ziehen, die Links zu unseren Berichten zusammenfassen und Fotos einstellen. Es war wieder sehr bewegend – und wieder war es toll, wie ihr uns mit euren Kommentaren z.B. auf Twitter unterstützt habt. Natürlich war es aber auch durchaus spürbar, dass die Anteilnahme an Haiti nachgelassen hat (Vorgeschichte hier).
Eine Sache brennt mir ein bisschen auf der Seele: Unter unseren Artikeln auf BILD.de (z.B. hier) gab es Kommentare, zu denen ich dringend etwas loswerden muss. Denn sicherlich sind sie gut gemeint – aber irgendwie haben sie in meinen Augen die völlig falsche Botschaft.
Zum Beispiel dieser Kommentar:
Ich hab geahnt dass so etwas kommt und zögerte nach dem Erdbeben lange, Geld für die Unterstützung dieses Regimes zu spenden. Natürlich spendete ich, wollte den armen Menschen helfen. Und es kam wie es kommen musste: Den Menschen geht es schlecht, machtlos sehen wir der Kindersklaverei zu und die Welt dreht isch weiter. Zum kotzen! Stiefelknecht
Oder dieser:
Klar Spendengelder sammlen. Wieviel von dem 1 EUR pro Person käme den dort wirklich an???? Ich behaupte mal weniger als 0,10. Und das was dann ankommt sacken sich Krimminelle dort unten ein. Geldspenden sind falsch. Personelle Hilfe und Hilfsgüter wären die richtige Antwort. Leider machen zuviele die Taschen mit dem Thema Spenden und helfen voll. Tanken_Schorsch
Ich halte es für total falsch, aus dem Leid der Menschen in Haiti zu schließen, dass Spenden nicht helfen! Zeigt man glückliche Kinder, heißt es “Warum spenden? Denen geht es doch gut!” Beschreibt man das Elend, heißt es: “Aha, die Spenden kommen also eh nicht an.” Nur, weil man nicht von heute auf morgen den Schalter umlegen und z.B. alle Sklavenkinder befreien kann, heißt das noch lange nicht, dass die Arbeit der Hilfsorganisationen vor Ort nicht gut ist.
Ebenso ist es nicht richtig, dass Sachspenden das Sinnvollste sind. Ich würde immer Geld spenden, weil gerade die Hilfsorganisationen wissen, wie man damit am besten umgeht. Natürlich liegt mir schon beruflich “Ein Herz für Kinder” am nächsten, weil ich hier persönlich weiß, dass kein Cent irgendwo hängen bleibt. Aber wir haben viele tolle Hilfsteams kennengelernt: Kindernothilfe, World Vision, Lands Aid, Humedica, etc.. Jürgen Schübelin, den wir mehrmals bei seiner Arbeit in Haiti begleiteten, hat immer einen Quittungsblock im Rucksack, damit er jeden verwendeten Dollar belegen kann. Wirklich jeden Dollar. Ein anderer Helfer zeigte uns aber auch Sachspenden, die seine Organisation erhalten hat. Natürlich gibt es auch hier sinnvolle Hilfspakete – doch wir sahen auch Suspensorien (ohne Schalen!) und Schwimmwesten, die gespendet worden sind. Das hat die Menschen in Haiti auch nicht wirklich weitergebracht.
Um auf das konkrete Beispiel der Sklavenkinder in Wharf Jeremie einzugehen: Dort unterstützt die Kindernothilfe nun eine Schule, um den Kindern Bildung zu vermitteln, damit sie eine Chance haben, wenn sie zu alt für ihre “Besitzer” sind und rausgeworfen werden. Außerdem lernen sie hier Selbstbewusstsein. Sie sollen behutsam nach und nach zur Eigenständigkeit erzogen werden, um irgendwann selbst ihre Lage ändern zu können. Schon über 150 versklavte Kinder kommen hier täglich her.
Wenn du stattdessen in die Slums gehst und jedem Sklavenkind 1000 Dollar in die Hand drückst, kann es davon sehr lange Zeit Nahrung kaufen – aber es hat noch längst kein neues Zuhause, keine Ausbildung, keine Zukunft. Ganz abgesehen davon, dass diese Art der Sklaverei in den Elendsvierteln von vielen Menschen geduldet wird, weil sie gar nicht verstehen, was daran falsch ist. Heißt: Morgen hätten sie ein neues Sklavenkind. Dagegen kann man nur langsam und mit Aufklärung vorgehen. Die Bilder bleiben sicherlich noch lange bedrückend – aber es wird Stück für Stück besser.

Ich kann die Leute nicht verstehen, die nicht über ihren engstirnigen Horizont hinaus denken können. Nicht jede Organisation ist schlecht und Spenden schon gar nicht!
Umso wichtiger ist es, dass regelmäßig – wie zum Beispiel in diesem Fall Haiti – über die Krisengebiete berichtet wird, damit die Menschen darauf aufmerksam werden und dann die Aufmerksamkeit nicht auch nicht gleich wieder verloren geht.
Du/Ihr habt großartige Arbeit geleistet. Weiter so!
Bea
26 Apr 10 at 19:31